Kritisches Denken als Lebensform ist Leben mit Rationalität und Theorie. Aristoteles unterscheidet in seiner Nikomachischen Ethik drei Formen des Lebens βίος (bíos). Mit dem Genussleben, dem βίος ἀπολαυστικός (apo-laustikós), ist er etwas zu streng, es ist die Lebensform, die dem bloßen körperlichen Genuss folgt und insofern die niedrigste und der tierischen Existenz am ähnlichsten. Nicht ganz so schlimm sieht er das politische Leben (der βίος πολιτικός, politikós), es ist auf Teilnahme am Ge-meinwesen (Polis) orientiert, sucht aber auch Anerkennung und Ehre und gerät so leicht in Abhängigkeit von Meinungen anderer. Auf der nächste Stude gibt es für Aristoteles den βίος θεωρητικός, bíos theōrētikós, das theoretische Leben. Es ist auf Erkenntnis orientiert, es ist Selbstzweck und nicht fremdmotiviert. Es ist selbstgenügsam und autark, weitgehend unabhängig von den Lebensbedingungen – zumindest prinzipiell, denn denken kann man immer, auch wenn es rundherum brennt. Es ist dem Göttlichen am nächsten – etwas säkularer formuliert: es kennt und lebt mit dem Ideal, mit dem Himmel von Möglichkeiten und Alternativen zur Wirklichkeit. Dieses Leben ist das Non plus ultra: Der Mensch besitzt im Gegensatz zu Pflanzen und Tieren Vernunft, die Vernunft ist sozusagen die höchste menschliche Kompetenz; die höchste Tugend, das höchste Ziel dieser Kompetenz, ist die Weisheit; das Erreichen dieses höchsten Zieles führt zur vollkommenen Glückseligkeit: ergo ist das theoretische Leben die höchste und vollkommene Form menschlichen Lebens. Natürlich in der Theorie, wobei „in der Theorie“ hier doppeldeutig ist: es meint das Leben in der Theorie einerseits und andererseits die Wirklichkeit der Theorie, die besser sein kann als die Praxis, da sie das Ideal kennt. Dass das theoretische Leben der beste Modus des menschlichen Lebens ist, entspricht dem Standpunkt eines Philosophen. Ein Musiker und Künstler würden dies anders sehen – mit Recht. Wobei es auch hier Gemeinsamkeiten gibt: Wissenschaft, Philosophie, Musik, Kunst gestalten Ordnung, schaffen Wirklichkeit, Alternativen, jeweils mit ihrem Repertoire, mit ihren Möglichkeiten: Sprache, Begriffe, Theorien, Klang, Melodie, Harmonie, Komposition, Bild, Farbe, Form usw.; sie sind Formen der Erkenntnis, jeweils mit ihrer eigenen „Rationalität“ und „Logik“, die Wahrheit zeigt sich in der logischen Theorie, im logischen Klang, in der logischen Gestalt; und sie sind selbstreflexiv, sie denken kritisch, suchen nach neuen Möglichkeiten.