Publikationen

Niedermair, Klaus: Sprachspiel, Sprachsystem, Sprachideal
Über die Möglichkeit einer selbstreferentiellen Sinntheorie im Anschluß an Ludwig Wittgenstein In: Hug, Theo (Hrsg.): Die soziale Wirklichkeit der Theorie. Beiträge zur Theorievermittlung und -aneignung in der Pädagogik, München (Profil) 1990, S. 237-249
Jahr:
1990
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Beschreibung, Abstract
.Die Philosophie Ludwig Wittgensteins eignet sich in besonderer Weise als Diskus-sionsforum aktueller philosophischer Fragen. Dabei sei nicht nur an den mittlerweile in sprach- und sozialwissenschaftlichen Belangen ausgiebig zitierten Witt-genstein der Philosophischen Untersuchungen gedacht, sondern auch an jenen des Tractatus logico-philosophicus (Traktat), wo – was zu zeigen ist – eine Theorie der Sprache als selbstreferentielles System grundgelegt wird, die z.T Züge des sog. Radikalen Konstruktivismus aufweist und (mit Blick auf die Philosophischen Un-tersuchungen) das postmoderne Problembewußtsein der „Heterogenität der Sprachspiele“ ankündigt. Der Traktat zeigt, daß das „Projekt der Moderne“, Sprache und Wirklichkeit durch Rekurs auf ein universales Sprachsystem zu legitimieren, scheitert, von innen her scheitern muß Als unterstellt universales ist dieses Sprachsystem gegen äußere Einwände immun, es hätte die Allmacht zu definieren, was sinn- und wertvoll ist. Es verwickelt sich jedoch in interne Widersprüche, wenn es dies tut, d.h. wenn es das eigene System als universales zu explizieren und legitimieren versucht. Die Alternative, die der Traktat hinterläßt, ist: entweder zu schweigen oder die Annahme des universalen Sprachsystems fallen zu lassen. Im folgenden wird die argumentative Entwicklung nachgezeichnet vom Traktat bis zu den Philosophischen Untersuchungen, wo diese Annahme aufgegeben und eine neuartige Legitimationspraxis entworfen wird.
Lesprobe

Die Philosophie Ludwig Wittgensteins
Die Philosophie Ludwig Wittgensteins eignet sich in besonderer Weise als Diskussionsforum aktueller philosophischer Fragen. Dabei sei nicht nur an den mittler-weile in sprach- und sozialwissenschaftlichen Belangen ausgiebig zitierten Wittgenstein der Philosophischen Untersuchungen gedacht, sondern auch an jenen des Tractatus logico-philosophicus (Traktat), wo – was zu zeigen ist – eine Theorie der Sprache als selbstreferentielles System grundgelegt wird, die z.T. Züge des sog. Radikalen Konstruktivismus aufweist und (mit Blick auf die Philosophischen Un-tersuchungen) das postmoderne Problembewußtsein der „Heterogenität der Sprachspiele“ ankündigt. Der Traktat zeigt, daß das „Projekt der Moderne“, Sprache und Wirklichkeit durch Rekurs auf ein universales Sprachsystem zu legitimieren, scheitert, von innen her scheitern muß. Als unterstellt universales ist dieses Sprachsystem gegen äußere Einwände immun, es hätte die Allmacht zu definieren, was sinn- und wertvoll ist. Es verwickelt sich jedoch in interne Widersprüche, wenn es dies tut, d.h. wenn es das eigene System als universales zu explizieren und legitimieren versucht. Die Alternative, die der Traktat hinterläßt, ist: entweder zu schweigen oder die Annahme des universalen Sprachsystems fallen zu lassen. Im folgenden wird die argumentative Entwicklung nachgezeichnet vom Traktat bis zu den Philosophischen Untersuchungen, wo diese Annahme aufgegeben und eine neuartige Legitimationspraxis entworfen wird.


Sprachspiel, Sprachsystem, Sprachideal
The philosophy of Ludwig Wittgenstein is particularly well suited as a forum for discussion of current philosophical questions. In this context, we should not only consider the Wittgenstein of the Philosophical Investigations, who is now extensively quoted in linguistic and social science matters, but also the Wittgenstein of the Tractatus logico-philosophicus (Tractatus), where—as shall be shown—a theory of language as a self-referential system is established, which in part exhibits features of so-called Radical Constructivism and (with a view to the Philosophical Investigations) heralds the postmodern problem awareness of the "heterogeneity of language games." The Tractatus demonstrates that the "project of modernity"—to legitimize language and reality by recourse to a universal language system—fails, must fail from within. As a supposedly universal system, this language system is immune to external objections; it would have the omnipotence to define what is meaningful and valuable. However, it becomes entangled in internal contradictions when it attempts to do so, i.e., when it tries to explicate and legitimize its own system as universal. The alternative that the Tractatus leaves behind is: either to remain silent or to abandon the assumption of a universal language system. The following traces the argumentative development from the Tractatus to the Philosophical Investigations, where this assumption is given up and a novel practice of legitimation is designed.