Verlust informationeller Autonomie
Für eine effiziente und effektive Suche von Informationen benötigt man Wissen über Informationsressourcen, Recherchestrategien, -methoden und -techniken. Diese Informationskompetenz ist zugleich die Voraussetzung, dass die Informationsarbeit der Recherche informationell autonom erfolgt. Doch es ist unmöglich, die ganze Informationsarbeit selbst durchzuführen. Zu einem großen Teil wird sie delegiert, an andere Menschen, z.B. Bibliothekar/innen, und zunehmend auch an Suchmaschinen und Discovery-Systeme. Durch die Delegation kommt es zwangläufig zu einem Verlust an informationeller Autonomie, der im Allgemeinen durch Vertrauen zu Personen und Systemen kompensiert wird. Gilt dies auch für Suchmaschinen und Discovery-Systeme, z.B. für das geheimnisvolle Relevance Ranking? Durch einige Beispiele wird angedeutet, dass Vertrauen in diese Systeme durch Maßnahmen der Transparenz, Partizipation und Interaktivität forciert werden könnte.
Metainformationelle Autonomie
Aber gehen wir einmal davon aus, dass metainformationelle Autonomie wirklich nicht mehr gefragt ist, da Suchen ganz einfach geworden ist. Oberflächlich betrachtet wäre dies doch ein positiver Effekt der Suchmaschinen. Aber was bedeutet das in informationsethischer Hinsicht? „Informationsmaschinen sind perfektionierte Speicher- und Distributions-maschinen, also zunächst nur Fortschreibungen der bisherigen Wissenssurrogate. Aber sie sind darüber hinaus und vor allem informationsverarbeitende Apparate. Sie besitzen damit reflexive Fähigkeiten, das heißt sie können sich auf sich selber beziehen und Operationen über die in ihnen eingelagerten und aus externen Quellen erworbenen Informationen durchführen.“ (Kuhlen 2004, S. 167) Wenn Informationsarbeit an Informationsmaschinen delegiert wird, sei es zwangsläufig, weil wir keine andere Möglichkeit haben, oder aus Bequemlichkeit und Vertrauensseligkeit, kommt es zu einem Verlust von informationeller Autonomie und damit von Informationskompetenz.
„Die […] Auslagerung von Wissens- und Informationsarbeit bekommt damit eine neue Qualität. Nicht mehr wird nur das Wissen ausgelagert, was das einzelne Gedächtnis nicht speichern kann, schon allein weil es nie davon Kenntnis bekommen hat, sondern der Prozess der Erarbeitung von Information aus vorhandenen externen Wissensquellen als Basis der Aneignung von neuem Wissen beginnt sich ebenfalls in Richtung einer Technikautonomie zu verselbständigen.“ (Kuhlen 2004, S. 168) Drastisch formuliert, die Autonomie des Menschen wird durch eine Autonomie der Technik abgelöst; die Rolle von Mensch und Technik dreht sich um. Nicht mehr der Mensch setzt Technik als Mittel für Zwecke ein, die er in Anwendung zweckrationaler Vernunft gesetzt hat, sondern die Technik gibt die Zwecke vor. Der Mensch hat nur mehr die Wahl der Mittel, über die er in Anwendung instrumenteller Vernunft entscheiden kann, und gibt damit Autonomie auf. Es gibt zwei Möglichkeiten, darauf zu antworten. Eine teleologisch inspirierte, wonach der Mensch der Technik bewusst wieder seine rationalen und ethischen Prinzipien vorschreiben, also wieder primär auf zweckrationale Vernunft bauen solle. Oder eine technikdeterministische, wonach zu akzeptieren sei, dass die Technik das Steuer übernommen hat und dass Vernunft nur mehr instrumentell sein kann. Doch Technik ist keine Wirklichkeit für sich, es gibt sie nur als Technologie für den Menschen, sie wird von Menschen erfunden, gemacht, verwendet. Demnach haben wir noch eine Möglichkeit: die Technik technologiekritisch und im Sinne der technologischen Vernunft auf Entscheidungen und Handlungen der Menschen zurückzuführen, um so verloren gegangene Autonomie zurückzugewinnen. (Kuhlen 2004, S. 168f.)