Publikationen

Niedermair, Klaus: Wittgensteins Tractatus und die Selbstbezüglichkeit der Sprache
Frankfurt am Main u.a: Lang (Europäische Hochschulschriften: Reihe 20, 220)
Jahr:
1987
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Beschreibung, Abstract
Im System des Tractatus logico-philosophicus von L. Wittgenstein ist ein Schwerpunkt zu erkennen: die Selbstbezüglichkeit der Sprache. Diese begründet gleichzeitig Möglichkeit und Grenze von Sprache und Philosophie. Einerseits muss Sprache autark, selbstregulativ, also implizit selbstbezüglich sein: sinnvolle Sätze sind Entformalisierungen von Möglichkeiten von Sinn, diese sind Formalisierungen von sinnvollen Sätzen-nur in diesem Kreislauf ist Sprache möglich. Andererseits kann Sprache nicht explizit selbstbezüglich sein: ein Sprachsystem kann selbst nicht seine Möglichkeiten von Sinn darstellen, ohne im infiniten Regress der Selbstexplikation zu versanden oder sich im Paradox der Selbstaufhebung zu verstricken-philosophische Erkenntnisse, Möglichkeiten von Sinn «zeigen» sich.
Lesprobe

Wittgensteins Tractatus und die Selbstbezüglichkeit der Sprache
Am Ende dieses Buches bleibt dennoch die Grundsatzfrage offen und zumindest ansatzweise zu klären: Ist ein so rigoroser Ausschluß der Möglichkeit sprachlicher Verständigung über philosophische Themen (Probleme und Lösungsvorschläge), wie es die Position des T vorsieht und wie in die sem Buch bis dato fraglos vorausgesetzt wird (in der Tat liest sich dieses und ist größtenteils zu lesen als Plädoyer der T-Position, - ist dieses Verbot tat sächlich zu halten angesichts andersartiger Praxis und Notwendigkeit? Denn es gibt ja philosophische Diskussion und es muß ja die Diskussion über die verschiedenen Möglichkeiten von Sinn bzw. die Diskussion über die Möglichkeit von Sinn überhaupt, mithin die Philosophie als konsensbedürftige, aber auch konsensfähige Disziplin geben. Die Antwort vorweg: (1) dieser Rigorismus des T ist in dieser Form nicht haltbar, denn die dabei vorauszusetzende Utopie der Überflüssigkeit von (philosophischer) Verständigung über Sinn (u.d.h. gleichzeitig die Utopie einer problemlosen Praxis von Verständigung mit Sinn) ist prinzipiell nicht einlösbar; effektiv wird im T der Philosophie nicht Überflüssigkeit nachgewiesen, sondern Unmöglichkeit (Unsinnigkeit) - doch dieser Nachweis be ruht auf einem beschränkten Begriff von Sprache. (2) Andererseits enthält das in diesem Rigorismus positiv ausgezeichnete Programm der Philosophie als Tätigkeit einen Ansatz, der über den T hinausweist und die Möglichkeit einer Philosophie als Sprachhandlungen formalsierende und deren Formen forumlierende Tätigkeit eröffnet, die einerseits sehr wohl in der Kapazität von Sprache liegt, andererseits aber nicht formulierbar ist mit der Kapazität des jeweils formalisierten Sprachsystems - die Crux des T besteht gerade da rin, daß das hier reflexiv-formalisierte Sprachsystem als (Möglichkeit von) Sprache überhaupt vorausgesetzt wird, was umso nachteiliger ist, als dieses in pragmatischer Hinsicht beschränkt ist. (3) Das positive Destillat aus diesem Rigorismus des T ist in der Summe der Punkte (1) und (2) die "Wahrheit" (dies ist m.E. eine der im Vorwort des T beanspruchten "unantastbaren und 210 definitiven" Wahrheiten), daß philosophische Tätigkeit prinzipiell immer nur einen Bereich von Sprache (bzw. Erkenntnis oder Wirklichkeit) thematisiert und formalisiert, sodaß sie sich selbst nicht als Entformalisierung dieses beschränkten Sprachsystems darstellen kann, ohne in Widersprüche zu geraten. M.a.W.: die Falle der sprachlichen Selbstbezüglichkeit schlägt dann zu, wenn die sich als Sprachsystem niederschlagende, formalisierend-formulierende philosophische Tätigkeit ihre eigene Möglichkeit von Sinn aus der gerade durch sie begrenzten Möglichkeit von Sinn abzuleiten versucht, oder wenn das schlechthin Unmögliche versucht wird: ein Sprachsystem zu formulieren, welches alle Sprachhandlungen inklusive der in der Formulierung dieses Systems getätigten philosophischen Sätze soll enthalten können


Wittgensteins Tractatus und die Unsinnigkeit philosophischer Sätze
Trotzdem verfolgt der Nachweis jener Unsinnigkeitsthese auch in ihrer absoluten, pointierten Form ein sinnvolles Ziel: weniger soll allein der Philosophie das Recht auf Sinnhaftigkeit streitig gemacht werden (denn am ehesten werden in ihr diesbezüglich Zweifel geäußert), als vielmehr Skepsis gestreut werden in die fraglos vorausgesetzte Begriffspraxis einiger Wissenschaften, die, mögen sie noch so wissenschaftlich scheinen, letztlich doch auch mit Sinn von Sprache und Handlung zu tun haben und darüber eben Aussagen treffen: ich denke an die Sprach- und Sozialwissenschaften, aber auch an die sich ungemein technisch gebärdende, Sinn und Möglichkeiten von Sinn als durch Maschinen simulierbar (vollzieh- und reflektierbar) unterstellende Informationswissenschaft. Eine solche Skepsis sollte zeigen, daß Rede über Sinn etwas prinzipiell anderes ist als Rede über Tatsachen; daß in der Rede über Sinn "formale" Begriffe ins Sprachspiel kommen, die nicht mit "eigentlichen" Begriffen, mit welchen Tatsachen dargestellt werden, zu verwechseln sind; und schließlich, daß die autarke, implizit-selbstbezügliche Reflexivität der natürlichen Sprach- und Handlungskompetenz nicht als definitiv begrenztes Modell einer Sprach- und Handlungstheorie formulierbar und nicht als Kapazität einer Maschine machbar ist: in ein solches Modell bzw. in eine solche Kapazität könnte nämlich unmöglich die zu deren Konstruktion notwendige Reflexivität eingehen bzw. eingebaut werden. Die Maschine kann sich wohl in ihr eigenes System verfangen, nicht aber sich daraus selbst entwirren: genau das aber muß der Mensch können und genau das zwingt ihn zu Offenheit und erlaubt ihm Freiheit.


Wittgensteins Tractatus und die Unsinnigkeit von philosophischen Sätzen
Eine These jedenfalls, die unbezweifelbar aus dem Traktat-Text hervorgeht, wird quer durch das ganze Buch unbezweifelt gelassen: die These der Unsinnigkeit von (speziell philosophischen) Sätzen über den Sinn von Sätzen und Handlungen. Erst im Nachwort wird gezeigt, daß diese These so absolut nur gilt, sofern ein einziges Sprachsystem als Sprache überhaupt unterstellt wird (diese fehlerhafte Voraussetzung macht der T), - nicht aber, wenn mehrere Sprachsysteme (Sprachspiele) zugelassen werden (wie in den PU), denn dann gilt diese These nur relativ: die Möglichkeit sinnvoller Sätze über sinnvolle Sätze eines Sprachsystems kann nicht aus den Möglichkeiten desselben Sprachsystems geschöpft werden (ohne daß sich Widersprüche ergeben), braucht aber auch nicht (contra Metasprachenprinzip) durch ein höheres Sprachsystem begründet werden, sondern rechtfertigt sich autark (implizit selbstbezüglich) durch seine Brauchbarkeit im Verstehen des Sprachsystems: indem sich die Explikation eines Sprachsystems als Bedingung der Möglichkeit (der Verstehbarkeit) desselben erweist, begründet sie einmal die Möglichkeit des betreffenden Sprachsystems und gleichzeitig die Möglichkeit von sich selbst.


Wittgenstein Tractatus
Die Totalität (als Satzvariable) aller Sätze und aller diese reflektierenden philosophischen Sätze bleibt der philosophischen Reflexion unverfügbar, sie ist die "regulative Idee" einer zu erweiternden, aber nicht abschließbaren Formalisierung. Das Übel, warum philosophische Systeme durch (explizte) Selbstbezüglichkeit widersprüchlich werden, ist also nicht in der Reflexivität (in der impliziten Selbstbezüglichkeit) der natürlichen Sprache (besser: der Sprachkompetenz) zu suchen, nicht ihr ist der Prozeß zu machen, sondern das Übel beginnt, wenn ausgehend von einem eingeschränkten Sprachsystem (und zwar notwendigerweise eingeschränkt, da ja der Formalisierung nicht die dabei vorausgesetzte Reflexionssprache zugrunde liegen kann) versucht wird, die Reflexivität der natürlichen Sprachkompetenz mit den Möglichkeiten des jeweiligen Sprachsystems zu praktizieren: dann nämlich zeigt die natürliche Reflexivität (Selbstbezüglichkeit) ihr zweites Gesicht, insofern (das ist die Grundparadoxie von Philosophie) sie als ursprüngliche Bedingung der Möglichkeit (als implizit-autarke Selbstbezüglichkeit) von Philosophie nunmehr zu deren nachträglicher Bedingung der Unmöglichkeit (als explizit-vitiöse Selbstbezüglichkeit) ausartet.


Wittgensteins Tractatus und die Selbstbezüglichkeit der Sprache
A focal point can be identified in the system of L. Wittgenstein's Tractatus logico-philosophicus: the self-referentiality of language. This simultaneously establishes the possibility and the limits of language and philosophy. On the one hand, language must be self-sufficient, self-regulating, and thus implicitly self-referential: meaningful sentences are de-formalizations of possibilities of sense, which are formalizations of meaningful sentences—language is only possible within this cycle. On the other hand, language cannot be explicitly self-referential: a language system cannot represent its own possibilities of sense without running aground in the infinite regress of self-explication or becoming entangled in the paradox of self-cancellation—philosophical insights, possibilities of sense, rather "show themselves."