Publikationen

Niedermair, Klaus: Handbuch Wissenschaftstheorie
Strategien und Methoden für Forschung und Studium - im Erscheinen 2026, München: UVK-Verl.
Jahr:
2026

DOI: https://www.utb.de/doi/book/10.36198/9783838564760

Beschreibung, Abstract
Wissenschaftstheorie ist eine Kernkompetenz, die alle wissenschaftlich Tätigen beherrschen sollten. Mit diesem Buch gibt Klaus Niedermair eine Einführung.

Der Autor macht verständlich, was Wissenschaftstheorie ist, und beschreibt ihre Positionen, darunter der Kritische Rationalismus, die Hermeneutik und die Kritische Theorie. Ausführlich erklärt er den Forschungsprozess und die möglichen Herangehensweisen an den Forschungsgegenstand. Er zeigt, welche strategischen Zielsetzungen die Wissenschaft haben kann und welche Forschungsmethoden und Gütekriterien jeweils zum Einsatz kommen. Behandelt wird auch die Frage, wie sich wissenschaftliches Wissen und ein mit Künstlicher Intelligenz generiertes Wissen unterscheiden. Ein Kapitel über die Bedeutung der Wissenschaften für Gesellschaft und Politik rundet den Band ab.

Das Buch enthält praxisnahe Beispiele und Fallstudien, um abstrakte Themen anschaulich zu erklären. Daneben fördern interaktive Elemente wie Übungen und Kontrollfragen das aktive Lernen.

Somit der ideale Einstieg für Studierende und alle, die in der Wissenschaft tätig sind.


Inhalt:
1 Die Grundlagen der Wissenschaft
1.1 Wissenschaft als Spiel
1.2 Was ist die Wissenschaftstheorie?
1.3 Wissenschaft und Forschung
1.4 Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
1.5 Wozu Wissenschaftstheorie?

2 Die Ziele der Wissenschaft
2.1 Die feinen Unterschiede
2.2 Theorien finden und begründen
2.3 Wirklichkeit verstehen
2.4 Wirklichkeit erklären
2.5 Wirklichkeit verändern

3 Die Wege der Wissenschaft
3.1 Der Forschungsprozess
3.2 Theoretische Methoden
3.3 Quantitative Methoden
3.4 Qualitative Methoden
3.5 Mixed-Methods, innovative Methoden
3.6 Digitale, computationale Methoden, KI

4 Die Qualität der Wissenschaft
4.1 Qualitätssicherung
4.2 Nichts ohne Begründung
4.3 Logik und Argumentation
4.4 Wissensorganisation
4.5 Standards und Gütekriterien
4.6 Wissenschaftstheoretische Positionierung
4.7 Wissenschaft als Spiel, System, Ideal
Lesprobe

Wissenschaft : Wissenschaftstheorie = Kommunikation : Metakommunikation
Was die Metakommunikation in der sozialen Wirklichkeit leistet, leistet die Wissenschaftstheorie in der Wissenschaft: Sie schafft die Möglichkeit, dass wir nicht nur über Inhalte debattieren – über Studien, Theorien, Begriffe – , und dabei jeweils in unseren wissenschaftstheoretischen Grenzen bleiben, sondern dass auch eine Reflexion darüber möglich wird, wie überhaupt geforscht wird, welche Interessen und Voraussetzungen in Forschung einfließen, welche Formen des Verstehens und Erklärens jeweils leitend sind. Insofern ist die Wissenschaftstheorie die Metakommunikation der Wissenschaft.
Ähnlich kann man die Analogie in die entgegengesetzte Richtung konkretisieren: Man könnte sagen, dass es wissenschaftstheoretisches Denken mutatis mutandis auch im Alltag gibt. wenn wir bspw. fragen: Warum verstehen wir dieselbe Situation unterschiedlich? Welche Perspektiven oder Vorannahmen bringen wir mit? Wie beeinflussen Sprache, Rolle, Beziehung unser „Wissen“ über die Realität? Die Grenzen sind fließend – mehr oder weniger sind wir alle in Epistemologie und Wissenschaftstheorie aktiv


Wissenschaftstheorie ist eine Metawissenschaft
"Meta" steht für einen Perspektivenwechsel, man tritt quasi zurück vom Geschehen, von den Phänomenen, den Objekten, reflektiert über das Geschehen usw. und geht – wie man auch sagt – von der Objekt- auf die Metaebene. Ein solcher Perspektivenwechsel ist uns am besten vertraut im Zusammenhang mit der Metakommunikation.
Im Alltag handeln wir meist aus der Überzeugung heraus, dass die Dinge so sind, wie wir sie sehen und dass es um die Dinge selbst geht, nicht um die Art und Weise, wie wir sie erkennen oder wie wir über sie kommunizieren. Wir konzentrieren uns auf das „Was“ – was gesagt wird, was passiert, was das Problem ist. Wir sind uns oft nicht bewusst, wie wir die Dinge eigentlich wahrnehmen, oder wie wir darüber kommunizieren.
Doch spätestens dann, wenn wir die Erfahrung machen, dass es Unterschiede gibt in der Art und Weise, die Dinge zu erkennen, zu beschreiben, und dass jemand etwas ganz anders sieht wie wir selbst, erkennen wir auch, dass es sinnvoll und notwendig ist, über die Gründe für diese Unterschiede nachzudenken – ähnlich wie in der Wissenschaft, wie wir bei unserem Praxisbeispiel gesehen haben. Wenn man in einem Gespräch merkt, dass man aneinander vorbeiredet, oder wenn in einem Konflikt unklar ist, worum es eigentlich geht, kann es hilfreich sein, die Kommunikation selbst zum Thema zu machen: Wie sprechen wir miteinander? Was bewirkt unsere Sprache beim Gegenüber? Welche Ebenen schwingen mit in dem, was wir inhaltlich sagen? Wir nehmen einen Perspektivenwechsel vor, treten einen Schritt zurück vom direkten Geschehen und Betrachten es auf einer höheren Ebene – der Metaebene.
Solche, zum Teil auch schmerzhafte Erfahrungen machen wir oft in der sozialen Wirklichkeit, im Zusammenleben mit anderen Menschen. In zwischenmenschlichen Beziehungen – in Partnerschaft und Familie, im Arbeits- und Berufsleben, in der Politik – gibt es immer wieder Konfliktsituationen, in denen wir uns schwer verständigen können, vor allem darüber, was eigentlich das Thema und das Problem ist, noch bevor wir uns auf die Lösungen konzentrieren können.
Jeder Mensch geht – bedingt durch seine Persönlichkeit, durch unterschiedliche Herkunft und Geschichte, Sozialisation und Bildung usw. – auf seine Art und Weise an die Dinge heran, geht von seinen Voraussetzungen aus, die sich von denen seiner Mitmenschen unterscheiden können, und hat dabei seine blinden Flecken, die ihm in ihrer ganzen Tragweite nicht bewusst sind. Menschen sind also prinzipiell in der sozialen Wirklichkeit, was ihre eigenen Voraussetzungen, ihre Optik, ihre „Philosophie“ angeht, „betriebsblind“. Daraus können Konfliktsituationen entstehen.
Eine Möglichkeit, Konflikte zu lösen, besteht darin, gerade so einen Perspektivenwechsel von der Objekt- auf die Metaebene vorzunehmen...
Auf einem ähnlichen Perspektivenwechsel beruht die Wissenschaftstheorie...


KI und das Paradoxon der Black-Box
Eine erklärungsfundierte Technologie erzeugt Ergebnisse, die sich selbst der Erklärung entziehen.
Grundlage: KI als Produkt erklärender Wissenschaft. Moderne KI-Systeme beruhen auf Wissen klassischer Disziplinen wie Statistik, Optimierung, Mathematik, Informationstheorie und Logik. Ihre Architektur und die zugrunde liegenden Algorithmen sind formal beschrieben, und auch der Trainingsprozess ist technisch nachvollziehbar. KI ist damit ein Produkt erklärender Wissenschaft, also im Prinzip erklärungsfundiert.
Anwendungsebene: Der Verlust an Erklärbarkeit. Sobald ein Modell trainiert ist – etwa ein neuronales Netz mit Millionen Parametern oder ein Sprachmodell mit Milliarden Textbeispielen –, verändert sich das epistemische Profil. Die Ergebnisse sind funktional brauchbar und oft beeindruckend präzise, doch der Weg zur jeweiligen Antwort bleibt intransparent. Interne Gewichtungen, Aktivierungsmuster und statistische Korrelationen sind für Menschen nicht mehr rekonstruierbar. Das System funktioniert, aber es erklärt nicht – und es kann auch nicht erklären, wie es zu seinen Ergebnissen kommt.
Epistemologische Konsequenz: Keine Begründung, nur Plausibilität.
Damit verschiebt sich der Charakter des erzeugten Wissens.
- KI-Ergebnisse beruhen nicht auf Ursachenanalysen oder logischen Schlüssen, sondern auf statistischen Ähnlichkeiten im Trainingskorpus.
- Sie sind wahrscheinlichkeitsbasiert und formal konsistent, aber nicht im klassischen Sinn begründet.
- Es entsteht ein epistemischer Schein von Wissen: also plausibel und oft nützlich, aber ohne Nachvollziehbarkeit, deduktive Ableitung oder theoretische Fundierung.
Wissenschaftstheoretische Konsequenz. Die betrifft vor allem das wissenschaftliche Wissen. Geht man davon aus, dass KI-Systeme tatsächlich wissenschaftliches Wissen generieren, dann wäre das ein wissenschaftstheoretisches Erdbeben. Das Ziel von Wissenschaft ist nicht nur die Produktion von Ergebnissen, sondern vor allem auch deren Nachvollziehbarkeit, das heißt ihre Begründung in logischer, theoretischer, empirischer, methodischer Hinsicht. KI-Systeme hingegen liefern Antworten, die zwar für uns valide sein können, aber ohne, dass wir wissen, warum. Insofern entsteht eine Asymmetrie zwischen Funktionalität und epistemischer Transparenz: Die Ergebnisse sind praktisch verwertbar, aber ohne Begründung.
Die Frage ist: Reicht es, wenn eine KI-Antwort funktioniert, auch wenn sie nicht begründbar ist? Wenn ja, wer trägt Verantwortung für die Anwendung und Folgen von KI-Ergebnissen? Die KI ist ein Hotspot der Wissenschaftstheorie.


Kritisches Denken
Kritisches Denken als Lebensform ist Leben mit Rationalität und Theorie. Aristoteles unterscheidet in seiner Nikomachischen Ethik drei Formen des Lebens βίος (bíos). Mit dem Genussleben, dem βίος ἀπολαυστικός (apo-laustikós), ist er etwas zu streng, es ist die Lebensform, die dem bloßen körperlichen Genuss folgt und insofern die niedrigste und der tierischen Existenz am ähnlichsten. Nicht ganz so schlimm sieht er das politische Leben (der βίος πολιτικός, politikós), es ist auf Teilnahme am Ge-meinwesen (Polis) orientiert, sucht aber auch Anerkennung und Ehre und gerät so leicht in Abhängigkeit von Meinungen anderer. Auf der nächste Stude gibt es für Aristoteles den βίος θεωρητικός, bíos theōrētikós, das theoretische Leben. Es ist auf Erkenntnis orientiert, es ist Selbstzweck und nicht fremdmotiviert. Es ist selbstgenügsam und autark, weitgehend unabhängig von den Lebensbedingungen – zumindest prinzipiell, denn denken kann man immer, auch wenn es rundherum brennt. Es ist dem Göttlichen am nächsten – etwas säkularer formuliert: es kennt und lebt mit dem Ideal, mit dem Himmel von Möglichkeiten und Alternativen zur Wirklichkeit. Dieses Leben ist das Non plus ultra: Der Mensch besitzt im Gegensatz zu Pflanzen und Tieren Vernunft, die Vernunft ist sozusagen die höchste menschliche Kompetenz; die höchste Tugend, das höchste Ziel dieser Kompetenz, ist die Weisheit; das Erreichen dieses höchsten Zieles führt zur vollkommenen Glückseligkeit: ergo ist das theoretische Leben die höchste und vollkommene Form menschlichen Lebens. Natürlich in der Theorie, wobei „in der Theorie“ hier doppeldeutig ist: es meint das Leben in der Theorie einerseits und andererseits die Wirklichkeit der Theorie, die besser sein kann als die Praxis, da sie das Ideal kennt. Dass das theoretische Leben der beste Modus des menschlichen Lebens ist, entspricht dem Standpunkt eines Philosophen. Ein Musiker und Künstler würden dies anders sehen – mit Recht. Wobei es auch hier Gemeinsamkeiten gibt: Wissenschaft, Philosophie, Musik, Kunst gestalten Ordnung, schaffen Wirklichkeit, Alternativen, jeweils mit ihrem Repertoire, mit ihren Möglichkeiten: Sprache, Begriffe, Theorien, Klang, Melodie, Harmonie, Komposition, Bild, Farbe, Form usw.; sie sind Formen der Erkenntnis, jeweils mit ihrer eigenen „Rationalität“ und „Logik“, die Wahrheit zeigt sich in der logischen Theorie, im logischen Klang, in der logischen Gestalt; und sie sind selbstreflexiv, sie denken kritisch, suchen nach neuen Möglichkeiten.


Wissenschaftstheorie: integrative Perspektive
Trotz der Vielfalt der Wissenschaften und der wissenschaftstheoretischen Positionen ist eine integrative Perspektive möglich. So unterschiedlich Wissenschaften in der Praxis (als Spiel) auch sind, und so unterschiedlich wissenschaftstheoretische Positionen (als System) auch expliziert werden können in ihren Erkenntniszielen, Methoden, Begrifflichkeiten, sie haben trotzdem (wenn man Wissenschaft als Ideal denkt) gemeinsame Prinzipien: Rationalität, Begründung, Selbstbestimmtheit, Selbstkritik, Offenheit, Toleranz, Dialog, Verantwortlichkeit – und gemeinsam bilden sie in ihrer Vielfalt das Potential der Wissenschaft, die Komplexität der Wirklichkeit erkennen, verstehen, erklären und verändern zu können.


Wissenschaftstheorie ist eine Basiskompetenz
Wissenschaftstheorie ist eine Basiskompetenz in Forschung, Lehre und Studium. Das Ziel von Wissenschaft ist Erkenntnis der Wirklichkeit, das heißt, eine Theorie zu finden, eine Theorie zu bilden über ein Phänomen, das noch ein Rätsel ist und noch nicht erklärt oder verstanden werden kann, und diese Theorie dann zu begründen. Doch die Wissenschaft denkt auch darüber nach, wie man zu einer Theorie über ein Phänomen kommt, wie man Theorien begründet. Und dafür sind – auch das weiß man in der Wissenschaft – einige prinzipielle Voraussetzungen entscheidend, unter anderem darüber, was eigentlich die Wirklichkeit ist, wie man sie über-haupt erkennen kann, welche Erkenntnisziele es insofern geben kann, welche Forschungsmethoden jeweils geeignet sind. Diese Voraussetzun-gen ergeben, wenn man sie in ihren Möglichkeiten ausbuchstabiert, die Vielfalt und die Diversität der Wissenschaft.
Trotzdem werden die wissenschaftstheoretischen Fragen oft ausgeblendet, z. B. wird eine Forschungsmethode wie selbstverständlich als die Methode überhaupt gesehen, eine Fachdisziplin als die typische Wissenschaft un-terstellt.
Die Wissenschaftstheorie kümmert sich um diese blinden Flecken, sie hinterfragt den latenten Dogmatismus und seine vermeintlichen Selbstver-ständlichkeiten und bringt Alternativen ins Spiel. Mehrere Wege führen zu Erkenntnis, Wissenschaftstheorie zeigt sie und bereichert die Wissenschaft um Handlungsmöglichkeiten. Das ist ihr Bonus. Wissenschaftstheorie entwirft insofern auch eine ideale Wissenschaft als normative Kontrastfolie zum ambivalenten und oft desaströsen Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit, jenseits von Wissenschaftsgläubigkeit und Wissenschaftsfeindlichkeit.


Wissenschaft als Spiel
Wissenschaft ist wie ein Spiel mit bestimmten Regeln. Es gibt Zitierregeln, Kriterien für Qualifikationsnachweise, universitäre Kommunikationsformen usw., also konventionelle, z.T. informelle, mehr oder weniger zufällige Regeln. Und es gibt die wesentlichen, für die wissenschaftliche Erkenntnis notwendigen Spielregeln, die im Forschen und Studieren oft als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Sie betreffen vor allem das Erkenntnisziel, die Forschungsmethode sowie ontologische, epistemologische und axiologische Annahmen. Ausgehend von Szenarien im Forschen und Studieren nähern wir uns diesen Themen der Wissenschaftstheorie, ihrer besonderen Perspektive und Zielsetzung.


Umberto Eco und die Abduktion
Neben diesen drei Typen der Abduktion hat Umberto Eco noch einen vierten Typ ins Spiel gebracht – dezidiert für die Überprüfung und Begründung von Abduktionen. Die überkodierte und die unterkodierte Abduktion wenden eine Hypothese an, die es bereits gibt und die nur mehr oder weniger unsicher ist. Da die Hypothese einer kreativen Abduktion ganz und gar nicht sicher ist, gibt es Reflexionsbedarf, und ein Schritt auf die Metaebene hilft. Mit der Meta-Abduktion wird überprüft, ob diese Hypothese plausibel ist, ob sie in den theoretischen Kontext passt, ob sie überprüfbar ist usw. und ob sie insofern begründet werden kann.
Zitat | „Bei über- oder untercodierten Abduktionen ist diese Meta-Ebene der Schlußfolgerung nicht obligatorisch, da wir unser Gesetz einem Depot bereits geprüfter Welterfahrung entnehmen. […] Bei den kreativen Abduktionen fehlt uns diese Art der Gewißheit.“ (Eco 2004, S. 314) Weil wir uns also „nicht sicher [sind], ob die Erklärung, die man gewählt hat, ‘vernünftig’ ist“ (Eco 1985, S. 72.), ist die Reflexion der Abduktion gefragt, die Meta-Abduktion. Diese „liegt in der Entscheidung darüber, ob das mögliche Universum, das wir mit unseren Abduktionen der ersten Ebene entworfen haben, mit dem Universum unserer Erfahrung übereinstimmt.“ (Eco 1985b, S. 302)