Beschreibung, Abstract
Vom 18. bis 21. Oktober 2011 fand in Innsbruck der 31. Österreichische Bibliothekartag statt – ausgerichtet von der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VÖB) und dem Büchereiverband Österreichs (BVÖ), organisiert von der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol. Ca. 800 Teilnehmer/innen aus dem In- und Ausland konnten aus einem reichhaltigen Angebot von Vorträgen wählen, welche von 150 Experten in 5 parallelen Themenblöcken präsentiert und diskutiert wurden.
Der vorliegende Tagungsband beinhaltet 51 dieser Vorträge in schriftlicher Fassung. Dabei wurde keine bewusste Auswahl getroffen, alle Vortragenden waren eingeladen, einen Beitrag einzureichen: So hat sich eine ausgewogene Mischung ergeben mit einem breiten Spektrum an Themen und Zugangsweisen. Als Herausgeber bedanke ich mich, auch im Namen der Organisatoren des Bibliothekartags, bei allen Autorinnen und Autoren für ihre Mitarbeit und für die Disziplin im Einhalten der engen Fristen. Nur so war es möglich, die Publikation in kurzer Zeit zu realisieren – und auch dem Projekt Tagungsband noch mehr Rechtfertigung zu geben.
Denn diese Frage stellt sich: Warum überhaupt ein Tagungsband in Printform? Der Bibliothekartag hat doch ohnedies Spuren hinterlassen: Fragestellungen, Lösungen, Anregungen, Perspektiven, Projekte, Begegnungen, Diskussionen – und Präsentationsfolien. Ist ein Tagungsband demnach nicht nur ein arbeitsaufwändiger und kostspieliger Luxus? Nein. Verba volant, littera manent. Dass Vorträge schriftlich ausgearbeitet und publiziert werden, ist Bedingung für Nachhaltigkeit, hält die Auseinandersetzung am Leben, macht Nachlese möglich und fördert somit Reflexion in der Distanz.
Auf diese Weise gewinnt der Bibliothekartag nachträglich eine neue Qualität: Durch den medialen Übergang vom gesprochenen zum geschriebenen Wort tritt in den Hintergrund, was der Tagesaktualität, dem modischen Trend, dem Marketing der Präsentation geschuldet war. Die Sachen selbst rücken mehr in den Mittelpunkt. Im geschriebenen und publizierten Format hat sich der Bibliothekartag, der bibliothekarische Diskurs, auch darüber hinaus in anderen Kontexten zu bewähren. Er gewinnt Objektivität und Wissenschaftlichkeit, zumindest gibt es die Chance dazu. Diesen Diskurs als bibliotheks- und informationswissenschaftlichen zu etablieren und zu dokumentieren, war mein Ziel als Herausgeber des Tagungsbandes. Auch Bibliothekar/innen sollen wissenschaftlich tätig sein.
Wozu das gut sein soll? Wissenschaftlichkeit bedeutet Klarheit schaffen: Unser bibliothekarischer Diskurs muss, wenn er bezweckt, Hilfestellung, Steuerung und Orientierung für bibliothekarisches Handeln zu geben, nachvollziehbar und begründbar sein; er muss sich, wenn es um strategische Ziele geht, im Hinblick auf Prinzipien und Werte deklarieren. Schließlich gilt es, die Verantwortung zu übernehmen, welche die Bibliotheken ihren stakeholdern gegenüber haben: der sie finanzierenden öffentlichen Hand, der Öffentlichkeit, den Wissenschaftler/innen, den Studierenden, den Geschäftspartnern. Nicht nur Technik ist dabei entscheidend, auch nicht Geld, und nicht Wissen allein ist Macht, es zählt auch Wissenschaftlichkeit: Wissenschaftliche Reflexion eröffnet Handlungsmöglichkeiten in Kommunikation und Argumentation (vor allem im Kontext unserer wissenschaftlich arbeitenden Zielgruppen), wenn es darum gehen soll, dass die Bibliotheken, getrieben durch Technologie und Ökonomie, nicht nur reagieren, sondern auch selbst agieren wollen, um ihre Zukunft in der Gesellschaft zu finden.
Dies besonders in unserer Zeit, in der die Bibliothek chronisch eine neue ist.
Damit kommen wir zum Motto der Tagung: „Die neue Bibliothek – Anspruch und Wirklichkeit“. Dieser Titel geht prima vista von einem selbstverständlichen Befund aus, die Bibliothek erneuert sich schon seit Jahrzehnten ständig. Aber er fordert mit Recht zugleich Reflexion ein, auch wissenschaftliche, die immer wieder neben der bibliothekarischen Alltagsarbeit auf der Tagesordnung steht – ich zitiere aus den Grußworten der verantwortlichen Organisatoren Harald Weigel (VÖB), Helmut Windinger (BVÖ) und Martin Wieser (ULB Tirol): „Das Tagungsmotto provoziert bewusst Fragen nach dem Selbstverständnis der Bibliotheken: Wie verhält sich der in Leitbildern formulierte Anspruch, eine maßgebliche Rolle zu spielen bei der Bewältigung der Herausforderungen durch die sogenannte Wissensgesellschaft (…), zur tatsächlichen Leistungsfähigkeit und zur Wirklichkeit des Alltagsgeschäfts? Ist das Aufgabenspektrum zeitgemäß, sind Dienstleistungen und Organisationsstrukturen funktional, entspricht das Angebot den Erwartungen? Reagieren Bibliotheken nur auf veränderte Umweltbedingungen oder gelingt es ihnen, mit den verfügbaren Ressourcen Entwicklungen mitzugestalten oder sogar gezielt anzustoßen?“
Die Beiträge im vorliegenden Sammelband lassen sich – mit ihren unterschiedlichen Themen, Perspektiven, Interessen und in ihrer durchaus unterschiedlichen Qualität – direkt oder indirekt auch als Antworten auf diese Fragen lesen.
Ich danke meinem Mitarbeiter, Herrn MMag. Johannes Humer, für sein scharfes Auge bei der Korrekturarbeit und meiner Mitarbeiterin, Frau Sandra Grässle, für Mithilfe und wertvolle Tipps beim Layout.
Klaus Niedermair